Die Volksinitiative „Erhalt der Volière“ stellt Olten vor eine Grundsatzfrage: Soll die Stadt künftig jährlich mindestens 100’000 Franken fix für den Betrieb aufwenden oder soll die Volière ganz verschwinden? Beide Szenarien haben klare Konsequenzen und am Ende könnte ein politischer Kompromiss der sinnvollste Weg sein.
Annahme der Initiative: Sicherung der Volière
Eine Annahme der Initiative würde den Betrieb der Volière langfristig absichern. Mit jährlich mindestens 100’000 Franken stünden ausreichend Mittel für Personal, Unterhalt und Modernisierung zur Verfügung. Zudem wäre die Stadt gemäss Initiativtext verpflichtet, die Anlage an heutige Standards in Bezug auf Klimaziele, Tierschutz und Barrierefreiheit anzupassen.

Nebst dem vermutlich neu zu bauenden Gebäude, um den Vorgaben des heutigen Behindertengleichstellungsgesetzes BeHiG gerecht zu werden, besteht aber der eigentliche Pferdefuss des Initiativtextes in den verbindlich im Initiativtext formulierten finanziellen Zuwendungen von jährlich mindestens 100’000.- Franken an den Unterhalt der Volière. Das ist ein eher unübliches Vorgehen bei der Finanzierung eines Vereins mit Steuermitteln, denn in der Regel wird das finanzielle Engagement über Leistungsvereinbarungen gelöst, damit auch der Qualitätsanspruch besteht, dass eine Institution mit den eingesetzten Steuermitteln haushälterisch umgeht und auch selber dafür sorgt, über Sponsoring, Spenden und ähnliches Engagement für den eigenen Erhalt zu kämpfen.
Initiativtext: «Gestützt auf Art. 2 der Gemeindeordnung wird der Stadtrat von Olten beauftragt, alles zu tun, um den Erhalt der Städtischen Voliere im Vögeligarten in der heutigen Grösse sicherzustellen und dass die Gebäudlichkeiten den Klimazielen, Tierschutz- und den Behindertenvorgaben genügen. Sie unterstützt die Dienstleistung, aktuell des Volierevereins Olten, die Hege und Pflege der Vögel, mit mindestens CHF 100 000 (indexiert nach dem Landesindex der Konsumentenpreise LIK) pro Jahr. Rückwirkungsklausel: Die Initiative gilt bei Annahme rückwirkend auf den 1. Juli 2025.»
Für die Bevölkerung bedeutet die Annahme der Initiative den Erhalt eines vertrauten Angebots im Vögeligarten, in Form des Volièrebetriebs. Gleichzeitig bindet diese Lösung erhebliche Mittel auf unbestimmte Zeit für eine einzelne Massnahme innerhalb der Parkanlage.

Andere Investitionen in den Park, wie zusätliche Spielangebote, die Sanierung der übrigen Teile der Anlage, eine mögliche veränderte Nutzung wie zum Beispiel ein saisonales Angebot wie eine Sommerbuvette oder andere ökologische Verbesserungen könnten dadurch in den Hintergrund rücken, weil dafür schlicht das Geld fehlt.
Der Vögligarten ist bereits heute sehr viel mehr als nur ein zoologisches Gehege für verschiedene Vogelarten, er ist auch ein öffentlicher Grillplatz im Quartier, Spielfläche für Kinder, Begegnungszone für Erwachsene, ein Spielfeld für Freunde der Sportart Pétanque, eine Liegewiese oder ein Treffpunkt fürs gemeinsame Picknick. Auch die Menschen aus dem «Haus der Heimat» schätzen den Park sehr.
Ablehnung der Initiative: Ende der Volière, neue Perspektiven
Im Falle einer Ablehnung ist davon auszugehen, so schreibt es der Stadtrat in seiner Einschätzung, dass der Voliereverein den Betrieb nicht länger aufrechterhalten kann. Die Volière müsste geschlossen werden, was für viele Oltnerinnen und Oltner ein Verlust wäre. Der Namensstiftende zoologische Betrieb würde mit groser Wahrscheinlichkeit komplett verschwinden.

Die Stadt erhielte dadurch aber neue Freiheiten. Sie könnte im Rahmen eines Gesamtkonzepts in andere Schwerpunkte investieren, etwa in Aufenthaltsflächen, Gastronomieangebote oder eine ökologische Aufwertung des Parks. Der Vögeligarten würde damit ein neues Profil erhalten, allerdings ohne das traditionsreiche Element der Volière.
Zwischen Tradition und Zukunft: die Frage nach dem Kompromiss
Ein politischer Gegenvorschlag könnte ein gangbarer Weg sein, um eine Alternative zur sehr starr formulierten Initiative zu schaffen. Denn sowohl die Forderungen des Initiativkomitees als auch die Haltung des Stadtrats zeigen klare Gegensätze: Entweder bleibt die Volière bestehen, was andere Investitionen erschwert, oder sie verschwindet ganz und macht Platz für Neues. Beide Varianten haben Nachteile und bergen entsprechendes Konfliktpotenzial.
Ein möglicher Ausweg könnte in einem Kompromiss liegen. Denkbar wäre eine kleinere oder angepasste Volière, die mit einem tieferen jährlichen Beitrag unterstützt wird. Parallel dazu könnte die Stadt Investitionen in weitere Elemente des Vögeligartens sichern, von einer möglichen Buvette über neue Spielflächen bis hin zu ökologischen Verbesserungen.
Denn sicher ist, die Bevölkerung auf der rechten Stadtseite ist auf öffentlich zugängliche Grünflächen angewiesen, weil die Siedlungsstruktur mit vielen Blocküberbauungen zu wenig Grünflächen bietet. Zwar bestehen auch auf der rechten Stadtseite traditionelle Strassenzüge mit privaten Gärten, für viele Anwohnende ist aber der Vögeligarten als Quartiertreffpunkt von grosser Bedeutung.
Ein politischer Vorschlag als Alternative ist gefragt
Die Zukunft des Vögeligartens hängt nicht allein an der Volière, sondern an der Frage, wie der Park als Ganzes weiterentwickelt werden soll. Weder ein vollständiger Erhalt, noch eine komplette Schliessung scheinen alle Bedürfnisse abzudecken.
Damit der Vögeligarten für die Bevölkerung langfristig attraktiv bleibt, braucht es einen politischen Vorschlag, der beide Seiten verbindet. Ein Modell, das Teile der Volière erhält und gleichzeitig Raum für neue Investitionen schafft, könnte die Basis für eine breite Zustimmung sein und dem Park eine echte Aufwertung ermöglichen.



